Maria von Bethanien ist die Schwester der Marta. Das Evangelium erzählt, dass sie meist still irgendwo sitzt, Jesus zuhört, ihre Schwester machen lässt – aber auch, dass sie Jesus innerlich sehr nahe gestanden ist. Neben ihrer eher passiven Rolle in Lukas 10 und Johannes 11 gibt es noch eine Erzählung in Joh 12, in der Maria überrascht. Wieder einmal gibt es ein Essen in Bethanien, Martha bedient, Lazarus sitzt mit Jesus und seinen Freunden am Tisch und Maria kommt herein, bricht ein Flasche Duftöl zum Preis eines Jahreslohnes auf und salbt Jesus damit die Füße, um sie anschließend mit ihren Haaren zu trocknen. Wieder einmal reagiert ihre Umgebung befremdet und empört. So etwas gehört sich nicht! Außerdem ist es maßlose Verschwendung! Und wieder einmal rechtfertigt Jesus dieses Verhalten: Sie tut es für mein Begräbnis. Maria, und allein Maria, begreift und akzeptiert den Weg, den Jesus geht. Sie setzt ein Zeichen des Verstehens, der Einwilligung und gleichzeitig der hemmungslosen Hingabe. Sie liebt und sie lässt den Geliebten gehen.
Die Geschichte der Frau, die Jesus mit kostbarem Öl die Füße salbt und diese anschließend mit ihrem Haar abtrocknet, finden wir auch im Lukasevangelium, im 7. Kapitel. Dort handelt es sich um eine „stadtbekannte Sünderin”, die von Jesus wegen ihrer Liebe gerechtfertigt und gegen alle Angriffe der anständigen Gesellschaft verteidigt wird. Weil diese beiden Geschichten sich so ähnlich sind, hat man lange Zeit angenommen, dass die „stadtbekannte Sünderin” aus dem Lukasevangelium identisch mit Maria von Bethanien im Johannesevangelium sei. Und weil Lukas unmittelbar nach der Geschichte von der salbenden Frau die Frauen aufzählt, die Jesus gefolgt sind und dabei als erste Maria von Magdala erwähnt, „aus der sieben Dämonen ausgefahren waren”, hat sich in der Tradition das Bild der Maria Magdalena, der bekehrten Sünderin, der Schwester von Martha und Lazarus durchgesetzt. Maria Magdalena ist nach dem Johannesevangelium die erste Zeugin des auferstandenen Jesus und wird im Dominikanerorden als „Apostelin der Apostel” verehrt, diejenige, die die Osterbotschaft an die hartnäckig zweifelnden Jünger weitergibt.
In der Legende, nach der die Geschwister von Bethanien auf der Flucht vor der aufgebrachten jüdischen Regierung nach Frankreich gelangt waren, tritt Maria Magdalena zunächst als Predigerin auf und zieht sich dann in eine Höhle zurück, um künftig allein ihrer Hingabe an Jesus zu leben.